Raubbau, Betrug, Bestandsdezimierung: Der Teufelskreis der Gier, die die weltweite Walfangindustrie antreibt, hat eine Walpopulation nach der anderen an den Rand der Ausrottung getrieben. Bei einigen Arten ist es ungewiss, ob sie sich je erholen werden, auch wenn sie schon seit Jahrzehnten unter Schutz stehen.
Die Statistiken sprechen für sich. Der Bestand an Blauwalen in der
Antarktis liegt, obwohl die Tiere seit 40 Jahren umfassend geschützt
sind, bei weniger als einem Prozent seiner ursprünglichen Menge. Einige
Walpopulationen erholen sich, andere nicht. Nur eine Population, der
ostpazifische Grauwal, hat vermutlich ihre ursprüngliche Zahl wieder
erreicht, aber sein naher Verwandter, der westpazifische Grauwal, ist
die am stärksten vom Aussterben bedrohte Walart der Welt. Mit einer
Population von knapp über 100 Exemplaren steht diese Spezies am Rand
der Ausrottung.
Zahlen und Fakten
Neuere DNA-Analysen zeigen, dass die Auswirkungen des kommerziellen
Walfangs sogar noch schlimmer sein könnten als befürchtet. Die meisten
Schätzungen der Zahlen historischer Wahlpopulationen wurden von alten
Walfangzahlen abgeleitet. Diese Methode sei oft sehr ungenau, moniert
der Meeresbiologe Steve Palumbi von der Hopkins-Meeresstation der
Stanford-Universität im US-Bundesstaat Kalifornien.
2003 gelangten Palumbi und seine Kollegen nach der Auswertung von
DNA-Proben zu der Einschätzung, dass es vor Beginn des kommerziellen
Walfangs im 19. Jahrhundert 1,5 Millionen Buckelwale gegeben haben
könnte. Daneben nimmt sich die Zahl von 100 000, von der die IWC
aufgrund von Walfang-Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert ausgegangen
war, nahezu winzig aus. Heute gibt es noch gerade einmal 20 000
Buckelwale. Eine DNA-Analyse von Walfleisch aus japanischen
Lebensmittelgeschäften brachte zudem an den Tag, dass die Population
der antarktischen Minke-Wale zwischen 500 000 und einer Million
Exemplare gezählt haben muss.
Vertreter Japans bei der Internationalen Walfangkommission (IWC) hatten
zuvor behauptet, der kürzliche "sprunghafte Anstieg" der Zahl von
Minke-Walen sei beispiellos und verhindere die Erholung anderer
gefährdeter großer Arten wie des Blauwals. Doch die DNA-Analyse deutet
darauf hin, dass die derzeitige Population (Schätzungen zufolge 760
000) noch nicht einmal wieder ihre Ausgangszahl erreicht hat.
Konsum, Kontamination, Katastrophe
Walfang ist längst nicht mehr die einzige Bedrohung für die
Meeressäuger. Die Ozeane oder vielmehr die Auswirkungen menschlichen
Handelns auf diese haben sich in dem halben Jahrhundert seit Beginn des
Walschutzes drastisch verändert. Zu den bislang bekannten ökologischen
Bedrohungen für die Wale zählen Klimawandel, Verschmutzung,
Überfischung, die Zerstörung der Ozonschicht, Lärm - etwa durch
militärische Sonar-Einsatz und Kollisionen mit Schiffen. Die
industrielle Fischerei droht das Nahrungsangebot für Wale zu verknappen
und setzt die Tiere dem Risiko aus, sich im Fanggeschirr zu verheddern.
Falls Sie mit dem Gedanken spielen, Walfleisch zu essen, sollten Sie
sich das noch einmal gut überlegen - der Walspeck ("Blubber") ist
mancherorts so stark mit chemischen Substanzen verseucht, etwa
chlororganischen Verbindungen wie PCBs und Pestiziden, dass er als
Giftmüll einzustufen wäre! Chlororganische Substanzen können bei
Kindern Entwicklungsstörungen verursachen und die
Fortpflanzungsfähigkeit einschränken.
Trotz dieser immer größer werdenden Häufung von Risiken spricht sich
eine zunehmende Zahl von Mitgliedsstaaten der Internationalen
Walfangkommission (IWC) für eine sofortige Wiederaufnahme des
kommerziellen Walfangs aus. Zu den neuen IWC-Mitgliedern gehören Benin,
Gabun, Tuvalu und Nauru. Augenscheinlich spiegeln diese neuen
Mitgliedschaften und Abstimmungszahlen jedoch keinen weltweiten
Meinungsschwenk wider. All diese Länder wurden im Rahmen des so
genannten "Stimmenkonsolidierungsprogramms" der japanischen
Fischereibehörde als IWC-Mitglieder rekrutiert und zur Abstimmung in
deren Sinne bewogen.
Große Erwartungen
Erwartungen, dass die Walpopulationen sich erholen würden, basierten
auf der Annahme, ihr Lebensraum in den Weltmeeren sei, abgesehen vom
kommerziellen Walfang, so sicher wie vor hundert Jahren. Traurig, aber
wahr: Diese Annahme trifft nicht mehr zu. Daher sind wir der Meinung,
dass jede Form von Walfang gestoppt werden muss.